Ist der Erwachsenenkonsum nach der Legalisierung gestiegen?
Die Evaluation findet bisher keinen Anstieg, der sich auf das Gesetz zurückführen ließe. Der erste EKOCAN-Zwischenbericht (September 2025) sieht beim Konsum Erwachsener keine eindeutigen Änderungen des bisherigen Trends. Der zweite (April 2026) schreibt, ein Anstieg des Konsums, der die Marktverschiebungen kompensieren würde, sei bisher nicht erkennbar. Der Anteil der Erwachsenen mit Konsum steigt jedoch seit rund 15 Jahren. Dieser Artikel erklärt, was die Berichte zeigen, warum ein Anstieg nicht gleich eine Wirkung des Gesetzes ist und wie du Befunde einordnest.
Welche Daten es gibt
In Deutschland werden Konsumgewohnheiten vor allem über repräsentative Befragungen erhoben. Dabei wird eine Stichprobe von Personen nach Alter, Geschlecht und Wohnort ausgewählt und zu ihrem Konsum befragt. Wichtig ist, ob dieselbe Befragung über mehrere Jahre mit gleichen Fragen wiederholt wird. Nur dann lassen sich Entwicklungen vergleichen. Ein Datenportal des Drogenbeauftragten der Bundesregierung bündelt Zahlen aus verschiedenen Quellen und hilft bei der Suche.
Was die Berichte zeigen
- Erster Zwischenbericht: Der seit etwa 2011 beobachtbare Anstieg der Erwachsenen mit Konsum in den letzten 12 Monaten setzt sich wahrscheinlich 2024 und 2025 ohne drastische Veränderungen fort. Abwasserdaten aus elf Städten deuten nicht auf einen sprunghaften Anstieg hin.
- Zweiter Zwischenbericht: Die zunehmende Verbreitung seit etwa 15 Jahren scheint sich nach der Teillegalisierung fortzusetzen. Ein maßgeblicher, kurzfristiger Einfluss des KCanG war mit den vorliegenden Daten nicht zu beobachten. Die Aussage stützt sich auch auf Abwassermonitoring aus 15 Städten.
- DIW-Wochenbericht 13/2026: Der Anteil der Erwachsenen mit Konsum in den letzten 12 Monaten stieg im Epidemiologischen Suchtsurvey von 4,5 Prozent (2012) auf 9,8 Prozent (2024), ohne erkennbaren Bruch im Reformjahr.
Das Datenportal Sucht und Drogen nennt am 27.10.2026 für Erwachsene 9,7 Prozent mit Konsum in den letzten 12 Monaten. Alle Berichte betonen, dass es sich um kurzfristige Beobachtungen handelt.
Neben Befragungen gibt es Behandlungsdaten, etwa aus Beratungsstellen, und Verwaltungsdaten zu Verfahren. Sie zeigen, wie viele Menschen Hilfe suchen oder mit dem Gesetz in Kontakt kommen. Sie sagen aber nichts darüber, wie viele Menschen konsumieren, ohne jemals auffällig zu werden.
Warum ein Anstieg nicht gleich Wirkung ist
Wenn ein Wert nach der Legalisierung steigt, liegt der Schluss nahe, dass das Gesetz die Ursache ist. Das ist aber vorschnell. Konsum verändert sich auch durch gesellschaftliche Trends, durch das Meinungsklima, durch neue Produkte und durch Veränderungen im Freundeskreis. Eine Evaluation muss versuchen, diese Einflüsse zu trennen. Das gelingt nur mit einem Vergleich, etwa mit dem Verlauf der Jahre vor dem Gesetz.
Deshalb ist die Frage nach dem Trend vor und nach dem Gesetz wichtiger als die Frage nach dem aktuellen Wert allein. Achte darauf, ob ein Bericht diesen Vergleich anstellt.
Was Selbstauskünfte leisten können
Befragungen beruhen auf Selbstauskünften. Manche Menschen geben ihren Konsum ehrlich an, andere untertreiben aus Scham oder aus Unsicherheit über den rechtlichen Status. Auch Erinnerungsfehler kommen vor, besonders wenn nach Häufigkeiten über lange Zeiträume gefragt wird. Die Ergebnisse sind damit eine gute Näherung, aber keine exakte Messung.
Häufigkeit ist nicht gleich Menge
Ein weiterer Punkt wird oft verwechselt. Eine Befragung kann zeigen, wie viele Menschen angeben, Cannabis zu konsumieren, und wie oft sie es tun. Sie zeigt nicht immer, wie viel sie pro Konsum nehmen oder wie stark das Produkt ist. Gerade die Stärke ist für Gesundheit und Risiko entscheidend. Lies deshalb genau, welche Größe ein Bericht misst.
Unterschiede nach Altersgruppen
Die Entwicklung unterscheidet sich oft stark zwischen Altersgruppen. Bei Erwachsenen kann sich der Konsum anders verändern als bei Jugendlichen. Deshalb ist eine Gesamtzahl wenig aussagekräftig, wenn sie verschiedene Gruppen vermischt. Eine Übersicht zu Altersunterschieden bietet der Artikel Wie unterscheiden sich Konsumzahlen nach Altersgruppen?
Gesundheit im Blick behalten
Ein Anstieg des Konsums ist nicht automatisch ein Problem, aber die Frage nach Abhängigkeit und Folgen bleibt wichtig. Nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) wird ungefähr eine von acht Personen, die Cannabis konsumieren, abhängig. Bei dauerhaftem Konsum kann sich eine psychische Abhängigkeit entwickeln. Eine Bewertung sollte deshalb nicht nur die Konsumhäufigkeit betrachten. Sie sollte auch Abhängigkeit, Alltagsfolgen und Gesundheit einbeziehen.
Die Berichte weisen zudem auf einen bedenklichen Trend in der Suchthilfe hin: Immer mehr junge Erwachsene konsumieren und werden mit Konsumproblemen diagnostiziert, die Inanspruchnahme ambulanter Beratung durch diese Gruppe geht aber seit einigen Jahren zurück (zweiter Zwischenbericht).
Was du tun kannst
Lies den Originalbericht, bevor du eine Aussage über den Konsum übernimmst. Prüfe, ob die Befragung wiederholt wurde und ob der Zeitraum lang genug ist. Achte auf Vergleichsgruppen und darauf, ob Unsicherheiten offen genannt werden. Wie sich die Lage nach dem Zwischenbericht darstellt, erklärt der Artikel Was steht im Zwischenbericht zur KCanG-Evaluation?
Warum der Vorher-nachher-Vergleich schwer ist
Man möchte wissen, ob der Konsum nach der Legalisierung anders ausfällt als davor. Der Zeitraum davor ist aber selten sauber messbar. Befragungen unterscheiden sich in Fragen, Methode und Zeitpunkt. Ein Vergleich über die Jahre braucht deshalb eine Reihe von Erhebungen, die gleich aufgebaut sind.
Begriffe aus der Methodik
- Stichprobe: die Personen, die befragt werden, und die Art, wie sie ausgewählt wurden.
- Repräsentativ: die Stichprobe bildet die Bevölkerung nach wichtigen Merkmalen ab.
- Zeitreihe: eine Befragung, die über mehrere Jahre mit gleichen Fragen wiederholt wird.
- Selbstauskunft: die Angabe des eigenen Konsums durch die befragte Person.
Drei Lesefehler, die häufig vorkommen
Der erste Fehler: Ein einzelner Wert wird als Trend gelesen. Ein Trend braucht mehrere Messpunkte. Der zweite: Ein Anstieg bei Erwachsenen wird als Anstieg bei Jugendlichen verstanden, obwohl die Gruppen getrennt auszuwerten sind. Der dritte: Eine Umfrage aus einer Region wird auf ganz Deutschland übertragen.
So prüfst du eine Datenreihe selbst
- Suche die Quelle mit Erhebungsjahr und Stichprobe.
- Prüfe, ob die Frage über die Jahre gleich geblieben ist.
- Vergleiche Werte aus derselben Befragung und nicht aus verschiedenen.
- Lies die Grenzen des Berichts, bevor du eine Schlussfolgerung ziehst.
Fehlt eine dieser Angaben, ist eine Aussage noch nicht belastbar. Das gilt auch für Meldungen, die sich auf eine einzelne Umfrage stützen.
Konsum und Beratungsbedarf
Ob mehr Menschen konsumieren, sagt wenig darüber, wie viele Hilfe brauchen. Die Zahl der Anfragen bei Beratungsstellen ist ein eigener Indikator mit eigenen Daten. Wer den Bedarf einschätzen will, braucht deshalb Angaben aus der Beratung selbst und nicht allein Befragungen. Wo Hilfe zu finden ist, zeigt der Artikel Wo finde ich eine Suchtberatungsstelle für Cannabis?
Was ein Anstieg in einer Befragung bedeutet
Ein Anstieg ist zunächst ein Befund und noch keine Erklärung. Erst wenn Vergleichsgruppen, frühere Messungen und andere Einflüsse berücksichtigt werden, lässt sich eine Vermutung über Ursachen prüfen. Bis dahin bleibt eine Zahl eine Beobachtung. Diese Vorsicht schützt vor vorschnellen Schlüssen in beide Richtungen.
Auch ein Vergleich mit anderen Ländern hilft nur dann, wenn Erhebung und Begriffe übereinstimmen. Sonst werden unterschiedliche Größen gegeneinander gestellt, und das Ergebnis sagt wenig.
Nächste Schritte
Such dir eine Datenquelle, die regelmäßig wiederholt wird, und vergleiche Werte über mehrere Jahre. Die Übersicht zu Studien und Zahlen zum Erwachsenenkonsum findest du im Artikel Wie viele Erwachsene konsumieren Cannabis?
Häufige Fragen
Wie verlässlich sind Befragungen zum Cannabiskonsum?
Befragungen sind ein wichtiges Instrument, haben aber Grenzen. Sie erreichen nicht alle Gruppen gleich gut, und Menschen geben Konsum nicht immer ehrlich an. Entscheidend sind Stichprobe, Fragen und die Wiederholung über Jahre. Vergleiche nur Befragungen mit gleicher Methode, sonst entstehen scheinbare Trends.
Heißt mehr Konsum automatisch mehr Probleme?
Nicht automatisch. Die Konsumhäufigkeit sagt wenig darüber aus, wie viele Menschen Probleme entwickeln. Aufschlussreicher sind Abhängigkeit, Folgen im Alltag und gesundheitliche Auswirkungen. Nach Angaben des BIÖG wird etwa eine von acht Personen, die Cannabis konsumieren, abhängig. Das gehört zu jeder Bewertung dazu.
Quellen
- Datenportal des Drogenbeauftragten: Cannabis
- BIÖG Cannabisprävention: Langfristige Risiken und Sucht
- Drogenbeauftragter der Bundesregierung: Cannabis
- EKOCAN: 1. Zwischenbericht (Universität Hamburg, September 2025)
- EKOCAN: 2. Zwischenbericht (Universität Hamburg, April 2026)
- DIW Berlin: Cannabiskonsum nach Teillegalisierung stabil, Kokain nimmt seit Jahren zu