Ist der Kokainkonsum parallel gestiegen?
Ja, der Kokainkonsum nimmt laut einer Auswertung des DIW Berlin seit Jahren deutlich zu. Beim Cannabis beschreibt dieselbe Studie einen moderaten Anstieg seit 2012, ohne erkennbaren Bruch im Reformjahr 2024. Die Daten zeigen damit zwei Entwicklungen im selben Zeitraum. Ob sie zusammenhängen, lässt sich aus diesem Zeitverlauf nicht ablesen.
Was die Studie untersucht
Der Wochenbericht 13/2026 stammt von Anna Bindler und Andreea-Maria Stoica vom DIW Berlin. Er wertet drei Datenquellen aus: den Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA), Abwassermessungen und die Polizeiliche Kriminalstatistik. Befragungen zeigen, was Menschen über ihren Konsum angeben. Das Abwasser zeigt, welche Substanzen tatsächlich ausgeschieden werden. Die Statistik zählt angezeigte Delikte. Jede Quelle beantwortet deshalb eine andere Frage.
Cannabis: moderat gestiegen, ohne Bruch
Die Zwölf-Monats-Prävalenz beschreibt den Anteil der Menschen, die innerhalb von zwölf Monaten konsumiert haben. Bei den 18- bis 64-Jährigen stieg dieser Anteil laut ESA von 4,5 Prozent im Jahr 2012 auf 9,8 Prozent im Jahr 2024. Die Autorinnen beschreiben den Anstieg als moderat, aber ohne erkennbare strukturelle Veränderung im Reformjahr 2024. Auch Befragungs- und Abwasserdaten zeigen kurzfristig keine systematischen Veränderungen. Die Teillegalisierung hat den Konsum also nicht sprunghaft verändert.
Kokain: deutlich steigende Zahlen
Bei Kokain, einschließlich Crack, und bei Methamphetamin nimmt der Konsum nach der Studie seit Jahren deutlich zu. Die kokainbezogenen Delikte stiegen laut DIW von 20.964 Fällen im Jahr 2022 auf 27.224 Fälle im Jahr 2023 und 27.703 Fälle im Jahr 2024. Auch die Abwasserdaten zeigen einen Anstieg: Im Durchschnitt der teilnehmenden Städte war die festgestellte Menge von Kokain und Crack 2025 fast viermal so hoch wie 2015, mit einem starken Anstieg vor allem seit 2019/2020. Die Werte geben Rückstandsmengen im Rohabwasser an und sind keine direkt geschätzten Konsummengen. Regional gibt es Unterschiede: In Großstädten wie Dortmund, Hamburg, Hannover, München, Stuttgart und Berlin ist Kokain weiter verbreitet als andere Substanzen, in mehreren östlichen Städten wie Chemnitz, Dresden, Erfurt und Nürnberg dagegen Methamphetamin.
Die Befragungsdaten lesen sich anders. Rund sieben Prozent der Befragten mit Drogenkonsum in den letzten zwölf Monaten gaben an, Kokain oder Crack konsumiert zu haben. Für einen Trend liefert der ESA hier keine Angaben. Diese Zahl ist deshalb ein Querschnittswert und keine Entwicklung.
Warum Zahlen einen Zusammenhang nicht beweisen
Zwei Kurven, die im selben Zeitraum steigen, zeigen noch keine Ursache. Die Polizeistatistik zählt Fälle, die Befragung zählt Selbstauskünfte, und das Abwasser misst Ausscheidungen. Wer die Zahlen vergleicht, sollte deshalb nicht mehr herauslesen, als die Quellen hergeben. Den vollständigen Wochenbericht lohnt es sich selbst zu lesen, um Methoden und Einschränkungen zu prüfen.
Was das für die Prävention heißt
Das DIW empfiehlt der Politik, Prävention und Aufklärung zu priorisieren und die Entwicklungen auf anderen Drogenmärkten im Blick zu behalten. Prävention sollte deshalb mehrere Substanzen im Blick haben. Wer nur auf Cannabis schaut, übersieht, dass Kokain nach der Studie deutlich zunimmt. Informiere dich deshalb über die Risiken beider Substanzen, und frag nach, wenn Mischkonsum im Spiel ist. Besitz ist nach dem KCanG erst ab 18 Jahren erlaubt (§ 3 KCanG). Ein Blick auf die Altersgrenzen gehört daher zu jeder Präventionsarbeit dazu. Die Regeln für Jugendliche erklärt der Ratgeber zum Besitz ab 18.
Wie du die Zahlen liest
Drei Begriffe helfen beim Lesen. Die Zwölf-Monats-Prävalenz zeigt, wie viele Menschen innerhalb eines Jahres konsumiert haben. Eine Querschnittsangabe zeigt einen Wert zu einem einzigen Zeitpunkt. Ein Trend braucht dagegen mehrere Erhebungen über die Zeit. Für Kokain liefert der Suchtsurvey 2024 nur die Querschnittsangabe. Aussagen über den Anstieg stützen sich deshalb vor allem auf Delikte und Abwasser.
Was Delikte über den Konsum aussagen
Die Zahl der registrierten Delikte zeigt, wie viele Fälle polizeilich bekannt wurden. Das DIW weist darauf hin, dass es sich zu einem großen Teil um Kontrollkriminalität handelt und die Statistik auch die Intensität der polizeilichen Erfassung widerspiegelt. Sie bildet nicht den gesamten Konsum ab, weil nur ein Teil der Fälle entdeckt und angezeigt wird. Die kokainbezogenen Delikte stiegen nach den Angaben des DIW zwischen 2022 und 2024 um rund ein Drittel (eigene Rechnung aus den genannten Fallzahlen). Das DIW spricht von einem sehr starken Anstieg, die Zahl ist aber keine exakte Messung des Konsums.
Abwasser als zweiter Blick
Abwasseranalysen messen Stoffe, die Menschen ausscheiden. Laut der Studie war die festgestellte Menge im Abwasser im Jahr 2025 verglichen mit 2015 fast viermal so hoch. Das zeigt eine Zunahme der Menge im Abwasser, aber nicht, wie viele Menschen konsumieren. Beide Quellen zusammen ergeben ein Bild, das die Befragung allein nicht liefert.
Was der Vergleich nicht zeigt
Der Vergleich zweier Kurven zeigt keine Wirkung. Die Teillegalisierung fiel in einen Zeitraum, in dem auch andere Drogen zunahmen. Ob dieser Zusammenhang einen gemeinsamen Grund hat, bleibt mit diesen Daten offen. Wer die Zahlen nutzt, sollte deshalb nicht mehr herauslesen, als die Quellen hergeben.
Mischkonsum im Blick behalten
Die Seite feel-ok.ch hält fest, dass sich Drogenwirkungen gegenseitig verstärken können. Wer Kokain und Cannabis kombiniert, sollte diese Gefahr bedenken. Alkohol führt nach derselben Seite außerdem dazu, dass man sich selbst überschätzt.
Was Eltern und Fachkräfte daraus mitnehmen
Ein Anstieg bei Kokain verändert die Aufgabe von Prävention. Wer Jugendliche anspricht, sollte über Cannabis reden und auch andere Substanzen einbeziehen. Eltern können auf Anzeichen achten, die im Ratgeber beschrieben sind, etwa Veränderungen im Schulalltag oder im Freundeskreis. Der Ratgeber zu den Anzeichen bei Kindern hilft beim Einordnen.
Was du selbst prüfen kannst
Wer den eigenen Konsum einordnen will, kann mit einem Selbsttest beginnen. Der Ratgeber erklärt im Artikel zum Selbsttest bei Abhängigkeit, wie solche Fragen zu lesen sind. Entscheidend sind die Folgen im Alltag, etwa in Schule, Arbeit oder Gesundheit. Laut drugcom zählen die negativen Folgen mehr als die Konsummenge.
Ein Selbsttest ersetzt keine Beratung. Er kann aber zeigen, ob ein Gespräch mit einer Suchtberatungsstelle sinnvoll ist.
Auch Angehörige können Unterstützung suchen, wenn sie den Konsum eines Menschen in ihrem Umfeld beobachten. Der Ratgeber führt dazu im Bereich Hilfe und Beratung weitere Angebote auf.
Wo du Hilfe bekommst
Bei Fragen zum eigenen Konsum hilft die Sucht & Drogen Hotline unter 01806 313031. Die Stelle erreichst du auch über ihre Website. Wer merkt, dass der eigene Konsum außer Kontrolle gerät, findet im Ratgeber einen Weg zur passenden Suchtberatung in der Nähe. Bei akuten gesundheitlichen Beschwerden nach dem Konsum holst du sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Ist der Kokainkonsum in Deutschland gestiegen?
Nach einer Auswertung des DIW Berlin nimmt der Konsum von Kokain, einschließlich Crack, und Methamphetamin seit Jahren deutlich zu. Gestützt wird das durch Abwassermessungen und Polizeistatistiken. Die kokainbezogenen Delikte stiegen von 20.964 Fällen im Jahr 2022 auf 27.703 Fälle im Jahr 2024.
Steigt der Kokainkonsum wegen der Teillegalisierung von Cannabis?
Die DIW-Auswertung zeigt beide Entwicklungen im selben Zeitraum, aber keinen Wirkungszusammenhang. Der Cannabiskonsum stieg moderat seit 2012, ohne erkennbaren Bruch im Reformjahr 2024. Ob eine Entwicklung die andere verursacht, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ablesen.
Wo bekomme ich Hilfe bei Fragen zum eigenen Konsum?
Die Sucht & Drogen Hotline ist unter 01806 313031 erreichbar. Weitere Angebote findest du auf der Website der Stelle. Bei akuten Beschwerden nach dem Konsum holst du sofort ärztliche Hilfe.