Wie helfe ich Kindern aus suchtbelasteten Familien?
Kinder aus suchtbelasteten Familien helfen Sie vor allem dadurch, dass Sie ihnen verlässlich zur Seite stehen, die Lage ehrlich benennen und klar sagen, dass sie an der Sucht eines Elternteils keine Schuld tragen. Wer als Erwachsener in einer solchen Familie Kinder wahrnimmt, muss nicht sofort alles lösen. Wichtig sind ein sicherer Ort, feste Abläufe und eine Person, an die sich das Kind wenden kann. Dieser Ratgeber zeigt, woran Sie die Belastung erkennen, was im Alltag hilft und wann Fachleute hinzugezogen werden sollten.
Wie viele Kinder sind betroffen?
Die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin spricht von etwa drei Millionen Kindern in Deutschland, die unter 18 Jahren mit mindestens einem suchtbelasteten Elternteil aufwachsen. Meist geht es dabei um Alkohol. Etwa 60.000 Kinder haben laut der Fachstelle Eltern, die illegale Substanzen konsumieren. Das Thema betrifft damit auch Kitas, Schulen, Sportvereine und Nachbarschaften.
Woran Sie die Belastung erkennen
Kinder zeigen Belastung selten offen. Manche werden auffällig still, andere übernehmen zu viel Verantwortung und wirken erwachsen. Typische Hinweise sind:
- plötzliche Stimmungsschwankungen oder anhaltende Traurigkeit
- Rückzug von Freundinnen, Freunden und Hobbys
- Schulprobleme, Konzentrationsschwäche oder häufiges Fehlen
- Schlafprobleme, Bauchschmerzen oder andere Beschwerden ohne klare Ursache
- Übernahme von Aufgaben, die für ein Kind zu groß sind, etwa das Versorgen jüngerer Geschwister
Ein einzelnes Zeichen beweist nichts. Auffällig wird es, wenn mehrere Hinweise zusammenkommen und länger andauern. Die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin warnt, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien stark gefährdet sind, selbst süchtig zu werden oder Ängste, Depressionen und andere psychische Störungen zu entwickeln. Deshalb lohnt es sich, früh hinzuschauen, auch wenn die Lage zunächst unklar wirkt.
Was Kinder in dieser Lage brauchen
Drei Dinge können Kindern in dieser Lage helfen: Verlässlichkeit, Erklärungen, die sie verstehen, und die Gewissheit, dass sie nicht schuld sind. Verlässlichkeit heißt, dass Essenszeiten, Schulwege und Abholtermine möglichst gleich bleiben, auch wenn zu Hause gerade Chaos herrscht. Erklärungen heißen, dass Sie das Wort Sucht altersgerecht verwenden. Laut DigiSucht gehören Scham, Schuldgefühle oder Hilflosigkeit für viele Kinder suchtkranker Eltern zum Alltag. Sagen Sie deshalb ausdrücklich, dass die Sucht nicht durch das Kind verursacht wurde und dass es sie auch nicht beenden kann.
Was Sie im Alltag konkret tun können
Im Alltag helfen kleine, wiederkehrende Gesten oft mehr als große Gespräche. Die folgenden Schritte geben Orientierung. Sie ersetzen keine fachliche Begleitung, machen aber den Alltag für das Kind berechenbarer.
- Benennen Sie eine feste Ansprechperson, bei der das Kind jederzeit anrufen oder vorbeikommen kann. Das kann eine Großmutter, eine Lehrkraft oder eine Nachbarin sein.
- Schaffen Sie Freiräume. Sport, Musik, Freundschaften und Übernachtungen bei anderen Familien stärken das Selbstwertgefühl.
- Entlasten Sie Geschwister, die sonst die Rolle der Eltern übernehmen. Sprechen Sie das offen an und fragen Sie, was ihnen zu viel ist.
- Machen Sie das Kind nicht zum Kontrolleur. Es soll nicht überwachen, ob ein Elternteil trinkt oder konsumiert, und keine Verstecke suchen müssen.
- Geben Sie dem Kind Worte für seine Gefühle. Sätze wie „Du darfst wütend sein“ oder „Du darfst traurig sein“ helfen mehr als Trost ohne Inhalt.
Gespräche mit dem Kind führen
Viele Erwachsene wissen nicht, was sie sagen sollen. Ein guter Anfang ist eine offene Frage wie „Wie geht es dir zu Hause gerade?“. Hören Sie zu, ohne zu bewerten, und vermeiden Sie es, die Eltern schlechtzumachen. Das Kind liebt seine Eltern und fühlt sich sonst zerrissen. Sie müssen keine Antworten parat haben. Es reicht oft, ruhig zu sagen: „Das ist schwer. Ich bin da, wenn du reden willst.“
Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können. Dazu gehört der Satz, dass alles wieder gut wird, genauso wie die Zusage, niemand werde je davon erfahren, wenn es um die Sicherheit des Kindes geht. Ehrlichkeit schafft Vertrauen, das auch dann trägt, wenn es schwierig wird.
Schule und Kita als Verbündete
Schulen und Kitas sehen Kinder jeden Tag und können Veränderungen bemerken. Sprechen Sie mit der Lehrkraft oder der Erzieherin darüber, welche Veränderungen Sie beobachten, und vereinbaren Sie, wer Ansprechperson im Haus ist. Fachkräfte können sich in Weiterbildungen auf diese Lage vorbereiten. Die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin bietet solche Weiterbildungen für Erzieherinnen, Lehrkräfte und Mitarbeitende der Jugendhilfe an. Ein Kind, das in der Schule einen Menschen hat, dem es vertraut, hat eine wichtige Stütze.
Wann Fachleute hinzugezogen werden sollten
Nicht jede schwierige Situation ist ein Notfall, aber manche Anzeichen brauchen schnelle Hilfe. Dazu gehören Verletzungen, die das Kind nicht erklären kann, Hinweise auf Gewalt, Äußerungen über Suizid oder ein Kind, das über längere Zeit ohne Versorgung bleibt. Bei akuter Gefahr rufen Sie den Notruf 112 an. Sonst suchen Sie zeitnah eine Beratungsstelle auf, die Erfahrung mit Familien hat. Welche Warnzeichen sofort Hilfe verlangen, erklärt der Ratgeber zu Warnzeichen für sofortige Hilfe.
Welche Hilfe es für Kinder gibt
Die Online-Beratung DigiSucht verweist für Kinder suchtkranker Eltern auf das Angebot „Hilfen im Netz“. Dort finden Kinder und Jugendliche Informationen, die sie allein durchlesen können. Für ältere Jugendliche, die selbst Cannabis konsumieren, gibt es Beratung für junge Menschen. Eine Übersicht dazu bietet der Ratgeber Wo beraten Jugendberatungsstellen zu Cannabiskonsum?.
Was Sie selbst tun können
Kinder können nur dann gut begleitet werden, wenn die erwachsene Bezugsperson selbst Unterstützung bekommt. Angehörige brauchen einen Ort, an dem sie Sorgen aussprechen können, ohne das Kind damit zu belasten. Wie Sie diesen Ort finden, beschreibt der Ratgeber zu eigener Beratung für Angehörige. Auch die Frage, wo die eigenen Grenzen liegen, lässt sich dort klären.
Prävention beginnt früh
Hilfreich kann sein, wenn ein Kind Fragen stellen darf und eine feste Ansprechperson im Umfeld hat. Für Fachkräfte aus Kita, Schule und Jugendhilfe bietet die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin eine Weiterbildung zu diesem Thema an.
Was Sie jetzt tun können
- Notieren Sie, was Sie beobachten, mit Datum und konkreten Beispielen. Das hilft Ihnen und jeder Fachkraft, die Sie später fragen.
- Sprechen Sie das Kind an, ruhig und ohne Vorwürfe gegen die Eltern.
- Benennen Sie eine feste Ansprechperson im Umfeld des Kindes.
- Suchen Sie für sich selbst eine Beratungsstelle. Das DHS-Suchthilfeverzeichnis zeigt Einrichtungen mit Angeboten zu Cannabis und anderen Suchtformen.
- Rufen Sie bei akuter Gefahr sofort den Notruf 112 an.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, dass ein Kind unter der Sucht eines Elternteils leidet?
Typisch sind Rückzug, Schulprobleme, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und die Übernahme von Aufgaben, die für das Alter zu groß sind. Ein einzelnes Zeichen reicht nicht für eine Aussage. Wenn mehrere Hinweise zusammenkommen und länger andauern, lohnt sich ein Gespräch mit einer Beratungsstelle, auch ohne sicheren Befund.
Wo finde ich Hilfe, wenn ich ein Kind in akuter Gefahr sehe?
Bei akuter Gefahr rufen Sie den Notruf 112 an. Sonst hilft eine Beratungsstelle mit Erfahrung in Familienfragen weiter. Das DHS-Suchthilfeverzeichnis zeigt Einrichtungen. Auch Jugendämter vor Ort geben Auskunft, welche Stelle für die Lage zuständig ist.
Gibt es Angebote speziell für Kinder aus suchtbelasteten Familien?
Ja. Die Online-Beratung DigiSucht verweist auf das Angebot „Hilfen im Netz“ für Kinder suchtkranker Eltern. Für ältere Jugendliche, die selbst konsumieren, gibt es Beratung für junge Menschen.