Wann ist eine Familientherapie bei Sucht sinnvoll?
Familientherapie bei Sucht ist sinnvoll, wenn der Konsum das ganze Familiensystem belastet. Sie beteiligt Eltern und Angehörige an der Behandlung und arbeitet nicht allein mit dem Konsumierenden. Die multidimensionale Familientherapie (MDFT) wird in der Behandlungsstudie INCANT bei cannabisabhängigen Jugendlichen untersucht. Für erwachsene Konsumierende oder für Angehörige, die selbst Hilfe suchen, gibt es andere Wege.
Was Familientherapie bei Cannabis bedeutet
Die multidimensionale Familientherapie setzt darauf, dass Konsum selten isoliert entsteht. Schule, Freundeskreis, Familienregeln und Stimmung greifen ineinander. Die Therapie versucht, diese Zusammenhänge gemeinsam anzusehen und nicht nur einzelne Symptome zu behandeln.
Die Behandlungsstudie INCANT des Bundesgesundheitsministeriums untersucht die Wirksamkeit der MDFT bei cannabisabhängigen Jugendlichen. Im Mittelpunkt stehen laut Ministeriumsseite die Zusammenarbeit mit den Eltern und das Ziel, bestehende emotionale und soziale Schwierigkeiten gemeinsam zu verändern. Der Kurzbericht ist mit Stand März 2010 angegeben, die Zahlen sind also älter als viele Angebote heute.
Wann Familientherapie sinnvoll sein kann
Familientherapie kommt vor allem dann in Betracht, wenn Jugendliche mit Cannabis Probleme in Schule oder Ausbildung haben, sich aus dem Familienleben zurückziehen oder der Konsum zu Streit führt. Auch wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen, kann eine gemeinsame Begleitung helfen.
Sie ist weniger geeignet, wenn nur einzelne Familienmitglieder Hilfe wollen und die betroffene Person den Konsum nicht als Problem sieht. Auch dann lässt sich ein Gespräch über die eigene Sorge führen, bevor eine Behandlung beginnt.
- Konsum führt zu Problemen in Schule, Ausbildung oder Arbeit
- Rückzug, Streit oder Vertrauensverlust in der Familie
- Eltern fühlen sich mit der Situation allein
- Der Jugendliche ist bereit, über den Konsum zu sprechen
Ablauf einer Familientherapie
Der Ablauf unterscheidet sich je nach Angebot; häufig steht am Anfang ein Kennenlernen mit gemeinsamer Bestandsaufnahme. Alle Beteiligten schildern, wie sie den Alltag erleben, welche Konflikte auftreten und was sich ändern soll. Aus diesem Gespräch entstehen gemeinsame Ziele, die realistisch und überprüfbar sein sollten.
Möglich sind Einzelgespräche mit Jugendlichen, Gespräche mit den Eltern und gemeinsame Sitzungen. So kann die Therapie sowohl die persönlichen Themen des Jugendlichen als auch die Dynamik in der Familie bearbeiten. Wie oft und wie lange die Sitzungen stattfinden, legt das Behandlungsteam mit der Familie fest.
Vorbereitung auf das erste Familiengespräch
Wenn du als Elternteil zum ersten Gespräch eingeladen wirst, hilft eine kurze Vorbereitung. Überlege, was dir am wichtigsten ist, und notiere die Situationen, die dir Sorgen machen. Sprich außerdem mit deinem Kind, wenn es dazu bereit ist, damit es nicht überrascht wird.
Wichtig ist auch, dass du deine eigenen Grenzen kennst. Eine Familientherapie verlangt von allen Beteiligten Zeit und Offenheit. Wer merkt, dass er die Belastung allein nicht tragen kann, sollte das früh ansprechen und zusätzlich eine Beratung für sich selbst nutzen.
Die Rolle der Eltern
In der Familientherapie sind Eltern keine Zuschauer. Laut INCANT-Seite steht die Zusammenarbeit mit den Eltern im Mittelpunkt. Wie das im Einzelnen aussieht, klärst du mit der Einrichtung.
Wichtig ist auch, dass Eltern sich selbst Unterstützung holen. Eine Beratung für dich selbst kann ergänzend sinnvoll sein.
Wenn du selbst Unterstützung brauchst
Angehörige brauchen nicht erst eine Therapie des konsumierenden Familienmitglieds, um Hilfe zu bekommen. Eine Beratung kann auch allein für dich da sein. Dort kannst du besprechen, was dich belastet, wie du mit Konsum im Haushalt umgehst und welche Grenzen du setzen möchtest.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) führt auf ihrer Seite den Bereich Angehörige und Mitbetroffene. Dort findest du Hinweise, welche Angebote für Familien in Frage kommen. Beratungsstellen in deiner Region findest du über das Suchthilfeverzeichnis der DHS.
Typische Stolpersteine
Ein häufiger Stolperstein ist, dass ein Elternteil die Verantwortung allein trägt, während der andere sich zurückhält. Es hilft, wenn die Aufgaben gemeinsam verteilt sind. Ein zweiter Stolperstein sind hohe Erwartungen an schnelle Veränderungen.
Auch gegenseitige Schuldzuweisungen verhindern Fortschritte. Wer sich die Schuld gibt, bleibt im Konflikt stecken. Die Therapie hilft, diesen Kreislauf zu erkennen und neue Gesprächsformen zu üben.
Was Familientherapie nicht leistet
Familientherapie ist keine Garantie, dass der Konsum endet. Sie ist ein Angebot, das Familien stärken und Veränderungen begleiten kann. Ob und wie sie wirkt, hängt von der Situation, von der Bereitschaft aller Beteiligten und von der Qualität der Begleitung ab.
Bei akuten Krisen, Suizidgedanken oder starken psychischen Symptomen ist eine ärztliche oder psychiatrische Abklärung nötig. Familientherapie ersetzt diese Hilfe nicht.
Prävention: Früh ins Gespräch kommen
Je früher Familien über Konsum sprechen, desto mehr Spielraum bleibt. Mehr zu den Schutzregeln für Minderjährige findest du im Bereich Jugendschutz.
Was du jetzt tun kannst
Sprich zuerst mit einer Beratungsstelle, wenn du unsicher bist, ob eine Familientherapie passt. Bring deine Beobachtungen und deine Fragen mit, dann lässt sich besser einschätzen, welcher Weg sinnvoll ist. Die Sucht & Drogen Hotline erreichst du unter 01806 313031; Zeiten und Kosten stehen auf sucht-und-drogen-hotline.de. Weitere Hinweise für Angehörige findest du im Artikel zur Beratung für Angehörige und im Ratgeber zur Hilfe für Partnerinnen und Partner.
Häufige Fragen
Was ist multidimensionale Familientherapie?
Die multidimensionale Familientherapie, kurz MDFT, bezieht Jugendliche, Eltern und das weitere Umfeld in die Behandlung ein. Sie betrachtet Konsum im Zusammenhang mit Schule, Freundeskreis und Familienalltag. Die Behandlungsstudie INCANT untersucht ihre Wirksamkeit bei cannabisabhängigen Jugendlichen.
Ist Familientherapie auch für Erwachsene sinnvoll?
Die gut untersuchte Form richtet sich vor allem an Jugendliche. Für erwachsene Konsumierende und ihre Angehörigen gibt es Beratung in Suchtberatungsstellen. Dort lässt sich klären, ob ein Familiengespräch sinnvoll ist und wer daran teilnehmen sollte.
Kann ich eine Familientherapie auch ohne das Familienmitglied beginnen?
Angehörige können Beratung auch allein in Anspruch nehmen. Dort besprichst du deine Belastung, deine Grenzen und deine Fragen. Eine Familientherapie mit allen Beteiligten braucht die Bereitschaft der Familie, lässt sich aber vorbereiten.