Sinkt der Cannabiskonsum bei Jugendlichen? So liest man die Zahlen
Nach der Evaluation ist der Cannabiskonsum unter Jugendlichen nach der Teillegalisierung stabil oder sogar leicht rückläufig. So fasst es der zweite EKOCAN-Zwischenbericht (April 2026) zusammen. Der erste (September 2025) beschreibt einen Rückgang des Konsums unter Jugendlichen seit 2019, der sich nach der Teillegalisierung fortzusetzen scheint. Beide Berichte nennen ihre Ergebnisse vorläufig. Eine verlässliche Antwort braucht Befragungen, die über mehrere Jahre mit gleicher Methode durchgeführt werden. Bevor du eine Zahl übernimmst, prüfst du, wer befragt wurde, wie alt die Befragten sind und welcher Zeitraum gemeint ist.
Warum eine einzelne Schlagzeile nicht reicht
Jede Umfrage erfasst eine bestimmte Gruppe mit einer bestimmten Fragestellung. Schulbefragungen, Haushaltsbefragungen und Jugendstudien erreichen unterschiedliche Personen und stellen ihre Fragen oft verschieden. Wer zwei Ergebnisse vergleicht, die auf unterschiedlichen Methoden beruhen, vergleicht häufig Unvergleichbares. Ein Rückgang in der einen Studie kann in einer anderen fehlen, ohne dass eine der beiden Zahlen falsch ist.
Diese Punkte helfen beim Lesen jeder Zahl:
- Stichprobe: Wie viele Jugendliche wurden befragt, und wie wurden sie ausgewählt?
- Zeitraum: Geht es um den Konsum in den letzten Wochen, im letzten Jahr oder jemals im Leben?
- Altersgruppe: Sind 14-Jährige und 17-Jährige gemeinsam erfasst, oder gibt es getrennte Angaben?
- Methode: Wurde die Frage im Vorjahr genauso gestellt wie heute?
- Herausgeber: Stammt die Zahl von einer Behörde, einer Forschungseinrichtung oder einem Interessenverband?
Was die wissenschaftliche Begleitung des Gesetzes leisten soll
Das Konsumcannabisgesetz wird nach § 43 KCanG wissenschaftlich begleitet. Der zweite Zwischenbericht nennt weitere Befunde zu Jugendlichen: Die Risikowahrnehmung des Cannabiskonsums ist nicht gesunken, tendenziell ist das Gegenteil der Fall, und ein sprunghafter Anstieg cannabisbezogener Konsumprobleme ist bisher nicht zu beobachten. Zugleich nehmen junge Menschen seltener Frühinterventionsprogramme wie „FreD“ in Anspruch. Der Bericht führt das vor allem darauf zurück, dass die Justiz wegen der Entkriminalisierung immer weniger Jugendliche in solche Programme vermittelt, und stellt fest, dass die Regelung in § 7 KCanG die Erwartungen des Gesetzgebers bisher nicht erfüllt. Was im ersten Evaluationsbericht steht, erklärt der zugehörige Beitrag. Wie das Gesetz Kinder und Jugendliche schützen soll, beschreibt der Beitrag zur Evaluation im Kinder- und Jugendschutz.
Für junge Menschen zählt vor allem, ob weniger von ihnen konsumieren und ob die Schutzregeln greifen. Der Jugendschutz im Gesetz bleibt deshalb ein eigener Prüfpunkt, unabhängig davon, wie sich die Gesamtzahlen entwickeln. Wie das Gesetz Kinder und Jugendliche schützen soll, beschreibt der Beitrag zur Evaluation im Kinder- und Jugendschutz.
Was die Gesundheitsfakten für junge Menschen bedeuten
Unabhängig von jeder Statistik gilt: Das junge Gehirn befindet sich in einer wichtigen Entwicklungsphase, und Cannabis kann diese Entwicklung beeinflussen. Das BIÖG weist darauf hin, dass ein schlechter funktionierendes Gedächtnis im schlimmsten Fall den Schul- oder Berufsabschluss gefährden kann. Wer früh einsteigt, riskiert nach Angaben von drugcom nachhaltige Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Mehr dazu liefert der Beitrag zu Gedächtnis und Schulabschluss.
Auch die Risiken für die Psyche sind ernst zu nehmen. Nach Angaben des BIÖG bekommen Menschen, die Cannabis konsumieren, häufiger eine Psychose als Menschen, die nicht konsumieren. Ungefähr eine von acht Personen, die Cannabis konsumieren, wird abhängig. Bei dauerhaftem Konsum kann sich laut drugcom eine psychische Abhängigkeit entwickeln. Dauerhafter Konsum ist daher der Punkt, an dem man genau hinschauen sollte.
Typische Denkfehler beim Lesen von Statistiken
Drei Fehler kommen immer wieder vor. Erstens wird ein Rückgang aus einem einzigen Jahr zum Trend erklärt. Ein Trend braucht aber mehrere Messpunkte, die mit derselben Methode erhoben wurden. Zweitens wirkt eine Gesetzesänderung nicht sofort auf das Verhalten. Bekanntheit der Regeln, Gewohnheiten und das Angebot verändern sich über Monate und Jahre. Drittens heißt ein sinkender Durchschnitt nicht, dass die Folgen für Einzelne geringer sind. Ein früher Einstieg bleibt auch dann riskant, wenn er seltener vorkommt.
Wie Schulen und Beratungsstellen zusammenarbeiten
Schulen sind ein wichtiger Ort der Prävention, weil dort junge Menschen gemeinsam lernen und Fragen stellen. Fachkräfte können Informationsmaterial einsetzen, Vorfälle ernst nehmen und Eltern einbeziehen. Wenn ein problematischer Konsum im Raum steht, ist eine Beratungsstelle der nächste Schritt. Sie berät Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte, ohne dass bereits eine Krise bestehen muss.
Was Eltern und Fachkräfte jetzt tun können
Sachliche Information hilft jungen Menschen mehr als Drohungen. Wer nur verbietet, verliert schnell das Gespräch. Hilfreich ist es, Fragen zu stellen, Antworten ernst zu nehmen und die Gesundheitsfakten gemeinsam durchzugehen.
- Informationsmaterial des BIÖG nutzen, etwa zu den gesundheitlichen Folgen für Jugendliche.
- Frühzeitig Rat holen, wenn sich ein Muster abzeichnet, und nicht erst bei einer Krise.
- Klare Absprachen treffen, zum Beispiel zum Konsum in Gegenwart von Minderjährigen. Die Regeln dazu erklärt der Beitrag zum Konsumverbot in Gegenwart von Minderjährigen.
Wo du aktuelle Zahlen findest
Aktuelle Daten zum Konsum, etwa 6,1 Prozent der 12- bis 17-Jährigen mit Konsum in den letzten 12 Monaten (Stand der Seite am 27.10.2026), sammelt das Datenportal Sucht und Drogen der Bundesdrogenbeauftragten. Wenn eine Zahl aus den Medien stammt, suche die Originalstudie und prüfe Stichprobe und Zeitraum. Einen Überblick über Befragungen gibt der Beitrag zu den wichtigsten Jugendbefragungen. Konkrete Zahlen zum Konsum junger Menschen stehen im Beitrag Wie viele Jugendliche konsumieren Cannabis?.
Was Jugendbefragungen sagen können
Befragungen erfassen, was junge Menschen angeben. Die Antworten hängen davon ab, wie vertraulich die Befragung ist und wie offen die Jugendlichen antworten. Manche Befragungen finden in der Schule statt, andere zu Hause. Beides hat Vor- und Nachteile, und diese Unterschiede gehören zur Einordnung dazu.
Wichtig ist auch, was eine Befragung nicht misst. Sie zeigt den angegebenen Konsum, nicht die Menge, die Qualität oder das Umfeld des Konsums. Für die Frage nach Gesundheitsrisiken braucht es deshalb zusätzliche Quellen, etwa die Fachinformationen des BIÖG und der Beratungsstellen.
Beim Lesen von Befragungsergebnissen hilft außerdem der Blick auf kleine Veränderungen. Eine Verschiebung von wenigen Prozentpunkten liegt oft innerhalb der Schwankungsbreite und bedeutet noch keinen Trend. Wer das weiß, überschätzt kleine Veränderungen seltener.
Wer eine Zahl selbst weitergibt, sollte den Zeitraum und die Altersgruppe gleich mit nennen. Ohne diese Angaben klingt jede Aussage eindeutiger, als sie ist.
Was du jetzt tun kannst
- Lies Zahlen nur mit Quelle, Zeitraum und Altersgruppe weiter.
- Sprich bei Sorgen mit einer Suchtberatung vor Ort oder nutze das Angebot von DigiSucht.
- Informiere dich bei drugcom.de über Wirkung und Risiken von Cannabis.
Stand: 26.10.2026. Zahlen ändern sich mit jeder neuen Erhebung, deshalb lohnt sich der Blick ins Datenportal.
Häufige Fragen
Ist der Jugendkonsum von Cannabis gesunken?
Laut zweitem EKOCAN-Zwischenbericht (April 2026) ist die Konsumprävalenz unter Jugendlichen nach der Teillegalisierung stabil oder sogar leicht rückläufig. Der erste Bericht beschreibt einen Rückgang seit 2019. Beide Berichte nennen ihre Ergebnisse vorläufig. Prüfe Stichprobe, Altersgruppe und Zeitraum und vergleiche die Angaben mit den Daten im Datenportal Sucht und Drogen.
Ab welchem Alter darf man Cannabis besitzen?
Nach § 3 des Konsumcannabisgesetzes dürfen Personen ab 18 Jahren bis zu 25 Gramm Cannabis besitzen. Für jüngere Menschen gilt diese Erlaubnis nicht. Auch Konsumverbote, etwa in Gegenwart von Minderjährigen, sind im Gesetz geregelt.
Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich mir Sorgen um meinen Cannabiskonsum mache?
Erste Anlaufstellen sind eine Suchtberatung vor Ort und das Online-Angebot von DigiSucht. Auch Hausärztinnen und Hausärzte können beraten und an passende Stellen weiterleiten. Bei akuten Notlagen wendest du dich an den Notruf.