Warum konsumiere ich Cannabis, und wie prüfe ich das?
Die Frage nach dem Motiv ist unbequem, aber hilfreich. Wer ehrlich prüft, warum er Cannabis konsumiert, erkennt schneller, ob der Konsum eine bewusste Entscheidung ist oder ein automatischer Griff zu einer bestimmten Situation. Die Prüfung dauert nicht lange, erfordert aber Ehrlichkeit mit sich selbst. Sie gelingt am besten, wenn man sie schriftlich macht.
Typische Motive und ihre Fallen
Menschen konsumieren Cannabis aus unterschiedlichen Gründen. Mögliche Motive sind Neugier, Geselligkeit, Entspannung nach der Arbeit, der Wunsch nach Schlaf oder der Umgang mit Stress. Jedes dieser Motive kann für sich harmlos wirken. Problematisch wird es, wenn der Konsum die einzige Strategie ist, mit einem Gefühl umzugehen.
Eine Befragung zeigt, wie eng Stress und Konsum zusammenhängen können. Der Online-Befragung der Forschenden Cavalli und Cservenka aus dem Jahr 2021 mit über 800 Personen mit Cannabiserfahrung zufolge hängen belastende Lebensereignisse mit kiffbedingten Problemen zusammen, etwa mit Konflikten, Jobverlust oder Antriebslosigkeit. Der Zusammenhang war stärker bei Personen, die Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Gefühlen berichteten. Die Forschenden deuten Kiffen bei Stress als eine Art Betäubung. Ob der Konsum Ursache oder Folge des Stresses ist, lässt die Studie offen.
Fragen, mit denen du dein Motiv prüfst
Die folgenden Fragen helfen dabei, die eigenen Gründe zu sortieren. Am besten beantwortest du sie schriftlich, möglichst für eine Woche:
- Wann konsumiere ich: morgens, nachmittags, abends oder nachts?
- Konsumiere ich allein oder mit anderen, und wer ist dabei?
- Was habe ich vor dem Konsum erlebt, und wie fühle ich mich davor?
- Was wäre, wenn ich in diesem Moment nicht konsumieren würde?
- Hilft mir der Konsum, das Gefühl zu verarbeiten, oder schiebt er es nur weg?
- Gibt es Situationen, in denen ich bewusst verzichte, und was ist dort anders?
Wer die Antworten sammelt, sieht oft Muster. Ein Konsum nach Ärger am Arbeitsplatz hat eine andere Bedeutung als ein Konsum im Freundeskreis am Wochenende. Hilfreich ist es, die Muster nach einer Woche durchzugehen. Ein einfaches Hilfsmittel dafür ist ein Konsumtagebuch, das der Beitrag Hilft ein Konsumtagebuch bei der Selbstkontrolle? näher beschreibt.
Ein Blick auf den Selbsttest
Der Cannabis-Check von drugcom ist ein Selbsttest, der je nach Frage unterschiedliche Zeiträume abfragt, von den letzten sieben Tagen bis zu den letzten zwölf Monaten. Er fragt unter anderem nach Gründen für den Konsum, nach Situationen und nach Kontrollverlust. Der Test ersetzt keine persönliche Beratung, kann aber als Anstoß dienen, die eigenen Gründe genauer anzusehen. Mehr zur Einordnung findet sich im Beitrag Welche Online-Tests zur Selbsteinschätzung gibt es?.
Wenn Gefühle den Konsum antreiben
Wenn du bei Stress, Ärger oder Trauer regelmäßig zum Cannabis greifst, lohnt sich ein genauerer Blick. Die Befragung legt nahe, dass der Umgang mit Gefühlen eine große Rolle spielt. Der Zusammenhang war in der Befragung stärker bei Personen mit Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen. Die Autorinnen vermuten außerdem, dass chronischer Konsum stressbezogene hormonelle Prozesse beeinflussen kann. Geprüft hat die Befragung das nicht.
Hilfreich ist eine zweite Frage: Welche anderen Wege habe ich, mit diesem Gefühl umzugehen? Sport, ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder ein Spaziergang sind Beispiele. Ob sie wirken, muss man ausprobieren. Der Beitrag Wird Cannabis als Stressabbau zum Problem? geht auf diesen Zusammenhang näher ein.
Warum Ehrlichkeit schwerfällt
Viele Menschen beschönigen den eigenen Konsum, oft ohne es zu merken. Wer Cannabis als entspannende Gewohnheit betrachtet, übersieht schnell die Momente, in denen der Konsum unangenehm wird. Ein Blick von außen hilft dabei. Eine vertraute Person kann beschreiben, was sie beobachtet. Wichtig ist, diese Beobachtungen ohne Vorwürfe zu besprechen.
Zur Prüfung gehört auch ein Blick auf Veränderungen über die Zeit. Wer vor einem Jahr anders konsumiert hat, sollte sich fragen, was sich verändert hat und ob der Konsum mehr Raum einnimmt als früher.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Wenn du bei der Prüfung merkst, dass du den Konsum nicht mehr steuern kannst, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Die Sucht & Drogen Hotline erreichst du unter 01806 313031 (täglich von 8 bis 24 Uhr, kostenpflichtig). Die DigiSucht bietet nach eigenen Angaben anonym und kostenlos Kontakt zu Beratenden an.
Wer die Motive gemeinsam mit einer Fachkraft klären möchte, findet Hinweise im Beitrag Wann ist professionelle Hilfe bei Cannabis sinnvoll?.
Häufige Fragen
Wie erkenne ich, warum ich Cannabis konsumiere?
Notiere eine Woche lang, wann, wo, mit wem und nach welchem Erlebnis du konsumierst. Frage dich, was du in dem Moment sonst gemacht hättest und ob der Konsum ein Gefühl verarbeitet oder nur betäubt. Muster zeigen sich oft schon nach wenigen Tagen. Bei Unsicherheit hilft eine Suchtberatung, die Ergebnisse einzuordnen.
Macht Stress den Cannabiskonsum wahrscheinlicher?
Eine Befragung mit über 800 Personen mit Cannabiserfahrung fand einen Zusammenhang zwischen belastenden Lebensereignissen und kiffbedingten Problemen. Ob Stress zum Konsum führt oder der Konsum Stress erzeugt, ist offen. Wer bei Stress häufiger konsumiert, sollte den Zusammenhang selbst beobachten und bei Bedarf Unterstützung suchen.